Tove Soiland (* 1962 bei Zürich) ist eine Schweizer feministische Theoretikerin und Marxistin mit Arbeitsschwerpunkten im Bereich feministische Theorie, politische Ökonomie und Psychoanalyse.

Werdegang

Tove Soiland wurde 1962 in der Nähe von Zürich geboren. An der Universität Zürich studierte sie Geschichte und Philosophie und promovierte 2008 über die feministische Theoretikerin Luce Irigaray.1Soiland, Tove (2010): Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz. Eine dritte Position im Streit zwischen Lacan und den Historisten. Berlin: Verlag Turia + Kant, ISBN 978-3-851.32-582-9. Sie arbeitete mehr als zwanzig Jahre als Lehrbeauftragte und Gastprofessorin an verschiedenen Universitäten in der Schweiz, Deutschland und Österreich, zuletzt als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Innsbruck. Neben ihrer bis heute fortdauernden Tätigkeit als freie Wissenschaftlerin und Forscherin mit zahlreichen Publikationen leitete sie zwölf Jahre lang feministische Leseseminare für Frauen zu Ökonomie und Theorie bei einer Gewerkschaft in Zürich.2VPOD Zürich (Verband öffentlicher Dienste): Ankündigung des Leseseminars im Jahr 2020. Online unter: https://zuerich.vpod.ch/kalender/2019/feministisches-leseseminar-fuer-frauen/ (Zugriff am 14.11.2023) Ihre Vortragsliste ist lang: Seit 2010 wurde und wird Tove Soiland mehrmals jährlich zu Vorträgen und Workshops eingeladen. Sie ist bis heute als feministische Aktivistin engagiert.3Mitglied des Kollektivs Feministischer Lookdown und des Vereins Linksbündig, die sich kritisch mit der staatlichen Corona-Politik auseinandersetzen, siehe https://www.feministischerlookdown.org/ und https://www.linksbuendig.ch/ 4Tove Soiland beim Vorbereitungstreffen zum Frauenstreik im März 2019 in Biel. Online unter: https://youtu.be/x0uStPYQZiM?feature=shared (Zugriff am 10.11.2023) 5Persönliche Beteiligung auf der Straße und Einbringung in politische Debatten im Zusammenhang mit den großen Frauenstreiks in der Schweiz von 1991 und 2019. Zum Beispiel: Dyttrich, Bettina (2011): Kämpfe um Zeit sind mindestens so wichtig wie Kämpfe um Lohn. Tove Soiland im Gespräch mit Bettina Dyttrich. In: WOZ, Artikel vom 18.04. Online unter: https://www.woz.ch/1117/tove-soiland/kaempfe-um-zeit-sind-mindestens-so-wichtig-wie-kaempfe-um-lohn (Zugriff am 15.08.2023).

Themenschwerpunkte/Kerninteressen

Tove Soilands Kerninteressen betreffen das Verhältnis zwischen Marxismus und psychoanalytischen Strömungen sowie die feministischen Anschlüsse dazu, die Verknüpfung von politischer Ökonomie und feministischer Theorie, insbesondere das Denken der sexuellen Differenz, und die Erarbeitung einer gegenwärtigen Herrschafts- und Kapitalismuskritik aus linksfeministischer Perspektive. 

Das Denken der sexuellen Differenz

Mit der sexuellen Differenz und der politischen Ökonomie fasst Tove Soiland theoretisch etwas in Worte, was sich trotz der Erfolge der Gleichstellungspolitik fortschreibt und sich insbesondere in der ungelösten Frage der Sorge und deren geschlechterhierarchisierenden Effekte zeigt.6Hartmann, Anna (2022): Tove Soiland. Sexuelle Differenz. Münster: UNRAST Verlag, ISBN 978-3-89771-345-1, S. 7–14. Mit Sorge ist jener Bereich gemeint, der für das individuelle Aufwachsen, die Subjektwerdung sowie das soziale Zusammenleben unabdingbar ist und der historisch betrachtet vornehmlich im Privaten verankert und mit Weiblichkeit verbunden ist. Sie geht der Frage nach, wie es kommt, dass die Abwertung, Unsichtbarkeit und Geringschätzung der Sorge, des Füreinandersorgens, der Care-Arbeit sich weiterhin hartnäckig hält? Was bedeutet genau, auf andere angewiesen zu sein? Und wie gehen wir gesellschaftlich und individuell damit um? Hier setzt sich etwas fort, das nicht mit besserer Vereinbarkeit oder gerechterer Verteilung der Sorgearbeit eine Veränderung bewirkt. Mit dem feministischen Ansatz der sexuellen Differenz interpretiert Soiland das Problem als eine gesellschaftlich nicht bearbeitete Bezugnahme auf die Mutter oder die Person, die an ihrer Stelle steht, und ihrer unbewussten Vereinnahmung. In einem psychoanalytischen Verständnis – Soiland bezieht sich hier auf Luce Irigaray, basierend auf Theorien von Jacques Lacan – leben wir in einer „postödipalen Gesellschaft“ und fantasieren weiterhin eine unerschöpflich zur Verfügung stehende mütterliche Instanz, deren Fürsorge eine Voraussetzung unserer Existenz ist, die aber weiterhin unsichtbar bleibt und keine „symbolischen Repräsentanz“,7Dolderer, Maya (2022): Die mütterliche Gabe hat keine symbolische Existenz. In: Hartmann, Anna (Hg.): Sexuelle Differenz. Feministisch-psychoanalytische Perspektiven auf die Gegenwart. Münster: UNRAST Verlag, ISBN 978-3-89771-345-1, S. 173–184, S. 175. Interview mit Tove Soiland durchgeführt 2016. d. h. keinen Platz im gesellschaftlichen Bewusstsein, hat. Dieses Imaginieren einer Voraussetzungslosigkeit, das Negieren unserer anfänglichen – und auch späteren – Abhängigkeiten setzte sich mit der Ökonomisierung und „Vermanagerialisierung“ des Care-Regimes fort, indem diese Arbeit, die ohne ein Gegenüber, ohne Beziehung nicht auskommt, rationalisiert wird, als ginge es um Warenproduktion.8Vgl. Gulino, Lorena/Hässig, Lydia (2020): Das Care-Manifest – für eine andere Wirtschaftspolitik! In: Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik, Nr. 74, S. 167–173. 9Soiland, Tove (2017): Landnahme der individuellen und sozialen Reproduktion: Eine feministische Perspektive auf die Transformation des Sozialen. In: Theoriekritik.ch, Artikel vom 05.02. Online unter: http://www.theoriekritik.ch/?p=3180 (Zugriff am 21.07.2023).

Genderdebatte

Tove Soiland publiziert zur feministischen Theorie und hatte 2003 den sogenannten Gender-Streit („cultural turn“ in der Geschlechterforschung) initiiert.10Soiland, Tove (2003): Das Spiel mit den Geschlechtern – eine Sackgasse? In: Wochenzeitung, Nr. 21 (nicht mehr online abrufbar). Als eine der Kritikerinnen11Zu den Kritikerinnen Butlers zählen neben Tove Soiland: Élisabeth Badinter, Veronika Bennholdt-Thomsen, Nancy Fraser, Carola Meier-Seethaler, Alice Schwarzer. der Geschlechterdekonstruktion, welche Anfang der Neunzigerjahre durch amerikanische Theoretikerinnen, allen voran durch Judith Butler, in europäischen Universitäten etabliert worden war, stellt Soiland dieser Theorie ein zentrales Defizit aus: Die sozio-ökonomischen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern würden mit der Gendertheorie nicht angetastet, sondern gar unsichtbar gemacht. Frauen müssten deshalb eine soziale und politische Kategorie bleiben, indem ihre spezifischen Lebenszusammenhänge fortlaufend thematisiert und analysiert werden.12Hartmann, Anna (2022): Tove Soiland. Sexuelle Differenz. Münster: UNRAST Verlag, ISBN 978-3-89771-345-1, S. 11–14. 13Tove Soiland (2022): Subversion, wo steckst du? Eine Spurensuche an den Universitäten. In: Hartmann, Anna (Hg.) Sexuelle Differenz. Feministisch-psychoanalytische Perspektiven auf die Gegenwart. Münster: UNRAST Verlag, ISBN 978-3-89771-345-1, S. 109–131, S. 109–116 und S. 128–130.

Aus Soilands Perspektive werde in der durch die Gendertheorie vorangetriebenen Identitätspolitik die Kritik am Patriarchat und am Kapitalismus nicht mehr in den Blick genommen und docke nahtlos am unablässigen neoliberalen Imperativ, der sich an das Individuum richtet, sich selbst zu optimieren, an. Die Geschlechterhierarchien würden so nicht aufgelöst, so Soiland, sondern die Verantwortlichkeit für diese dem einzelnen Individuum aufgebürdet, statt ihre grundlegenden politischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen aufzudecken.14Seiler, Nina (2020): Wer ist sie? Tove Soiland. In: Feministische Wissenschaft. Feminfo, Nr. 56, S. 39. Online unter: https://www.femwiss.ch/deutsch/feminfo/archiv/ (Zugriff am 16.08.2023)

Soilands Kritik am Herrschafts- und Machtdiskurs

Der Fokus von Soilands gegenwärtiger theoretischer Arbeit betrifft das Handeln der weltweiten Macht- und Staatsorgane während Krisen und dessen gesellschaftliche Auswirkungen. Ausgelöst durch die Erfahrung der gesundheitspolitischen Maßnahmen, während der Covid-19-Pandemie, analysiert Soiland die (para-)staatlichen und medialen Herrschaftsdiskurse über Krisen und kritisiert diese aus einer marxistischen und feministischen Perspektive.15Soiland, Tove (2023): Der hypermoderne Hygienismus und die Linke. Tendenzen eines postideologischen Totalitarismus. In: Theoriekritik.ch, Artikel vom 13.02. Online unter: http://www.theoriekritik.ch/?p=4464 (Zugriff am 15.08.2023)

Ausgehend von der psychoanalytischen Denkweise warnt sie angesichts möglicher weiterer Ausnahmezustände vor autoritär werdenden Staaten in westlichen Gesellschaften. Wir befänden uns demnach in einer postideologischen Konstellation, die nach Jacques Lacan der kapitalistischen Produktionsweise am adäquatesten ist, und steuern nach Massimo Recalcati auf einen „hypermodernen Hygienismus“ zu, welcher das Tätigkeitsfeld der Biopolitik auf dem Gebiet der Gesundheit festmache, indem diese uns als neue moralische Pflicht auferlegt werde.16Soiland, Tove (2022): Ein postideologischer Totalitarismus? In: Neues Deutschland, Artikel vom 18.02. Online unter: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1162247.die-linke-und-corona-ein-postideologischer-totalitarismus.html (Zugriff am 21.07.2023) Mit dieser Auseinandersetzung liefert Soiland Anstöße zu Gegenwartsdebatten im Bereich der Gesundheit, die mehr und mehr um die Frage des richtigen Lebensstils kreisen, und im Bereich der Bildung und Wissenschaft, wo Evaluationen, Effizienz und Kompetenzorientierung die Vermittlung von Inhalten und das Ringen um die Eindeutigkeit von Wissen abzulösen scheinen. Und sie erinnert, angesichts der Angewiesenheit, welche wir in Momenten von Krankheit und Bedürftigkeit besonders erleben, an die Frage, wie wir leben wollen.17Vgl. dazu: Böllinger, Lena (2022): Was verschwindet, ist die Frage: Wie wollen wir leben? In: nd Neues Deutschland, Artikel vom 22.10. Online unter: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1167899.gesellschaft-was-verschwindet-ist-die-frage-wie-wollen-wir-leben.html (Zugriff am 15.08.2023)

Politische Praxis und Bildung für Frauen

„Politische Ökonomie! Ein feministisches Leseseminar für Frauen“,18VPOD Zürich (2019): Politische Ökonomie! Ein feministisches Leseseminar für Frauen, in: Website des VPOD Zürich. Online unter: https://zuerich.vpod.ch/kalender/2019/feministisches-leseseminar-fuer-frauen/ Zugriff am 21.07.2023) so lautete der Titel einer Ausschreibung für die während des Wintersemesters 2019/2020 stattfindenden Seminare, welche sich an an politischen Fragen interessierte Frauen richteten. Hier zeigt sich die Verschränkung von Tove Soilands theoretischem Schaffen mit politischer Praxis. Im Zentrum der Seminare standen stets feministische Themen wie beispielsweise die Care-Ökonomie, welches die vorwiegend in diesem Sektor arbeitenden Teilnehmerinnen aus der Pflege, der Ausbildung, der Sozialarbeit, der Kinderbetreuung u. a. m. besonders interessierte. Soiland vermittelt in ihren Seminaren theoretisches Wissen, komplexe Denktraditionen und ihre Kritik an herrschenden Positionen. Die gemeinsam erarbeitete feministische Ökonomiekritik wurde in verschiedenen Formaten sichtbar gemacht und festgehalten, so in einem Artikel als Beitrag zur „Neuen Landnahme“,19Vgl. Soiland, Tove (2017): Landnahme der individuellen und sozialen Reproduktion: Eine feministische Perspektive auf die Transformation des Sozialen. In: Theoriekritik.ch, Artikel vom 05.02. Online unter: http://www.theoriekritik.ch/?p=3180 (Zugriff am 21.07.2023). 20Soiland, Tove (2018): Innere Kolonien: Care als Feld einer „Neuen Landnahme”. In: LuXemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis, Nr. 3/2018. Online unter: https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/innere-kolonien-care/ (Zugriff am 16.08.2023) 21Feministische Autorinnengruppe Soiland, Tove/Müller, Ina/Bischel, Iris et al. (2013): Das Theorem der Neuen Landnahme: eine feministische Rückeroberung. In: Baumann, Hans et al. (Hg): Care statt Crash. Sorgeökonomie und die Überwindung des Kapitalismus. Zürich: Verlag edition 8, ISBN 978-3-85990-220-6, S. 99–118. ein anderes Mal öffnete sich das Seminar einen Abend lang für alle Frauen und Männer in Care-Berufen, um die Fallstricke der Professionalisierung und Ökonomisierung in diesem Bereich aufzuzeigen.22VPOD Schweiz (2018): „Wir produzieren weder Teflonpfannen noch Humankapital! Stoppt den Wasserkopf ‚Management‘: Wir wissen selber, was gute Care-Arbeit ist!“ Öffentliche Veranstaltung des Leseseminars des VPOD, in: VPOD Schweiz (Hg.), Beilage zu VPOD-Magazin. Veranstaltungshinweis vom 14.06. Online unter: https://zuerich.vpod.ch/site/assets/files/0/12/736/web_vpod-info_04_18_zh.pdf (Zugriff am 06.09.2023).

Daraus entstand eine gemeinsame Grundlage, die es Soiland und den Teilnehmerinnen ermöglichte zu verstehen, weshalb ihre Sorgearbeit so prekär ist, wie sie sich in ihrer täglichen (Erwerbs‑)Arbeit zeigt.

Als Schritt von der theoretischen Kritik zur Praxis wandelten die Frauen den Inhalt des zuvor gemeinsam verfassten Care-Manifests23Fraum* (2019): Care-Manifest, in: Website des Frauen*Zentrums Zürich. Online unter: https://www.fraum.ch/frauenstreik/ (Zugriff am 06.09.2023). zusammen mit Soiland in eine Performance um, die sie am Frauenstreiktag 2019 an verschiedenen Institutionen – Spitälern, Orten für Weiterbildung und Management im Bildungs- und Gesundheitssektor und auf öffentlichen Plätzen in Zürich – als politische Intervention aufführten.

Auszeichnung

2016: Somazzi-Preis für herausragende Leistungen in der Frauenförderung24Somazzi-Stiftung (o. J.): Die Preisträgerinnen und Preisträger. In: Website der Stiftung. Online unter: https://www.somazzi-stiftung.ch/preistr%C3%A4gerinnen-und-preistr%C3%A4ger (Zugriff am 09.11.23).

Veröffentlichungen

Publikationen und Herausgeberschaften

Aufsätze in Zeitschriften (Auswahl)

Aufsätze in Sammelbänden

Interviews

Weblinks